Quint Haidar Aly
Gründer des gemeinnützigen Unternehmens ACCICE. Ashoka Young Changemaker und JoinPolitics-Stipendiat. Rechtsdidaktische und -soziologische Forschung. Ehemals Vorstand des Bundesverbandes der Refugee Law Clinics.
Was macht für Sie gute juristische Ausbildung aus?
Ein umfassendes Verständnis vom Recht, seinen Methoden und seiner (gesellschaftlichen) Funktion. Ein reflektiertes, interdisziplinäres Professionsverständnis und eine selbstkritische Haltung. Ein gleichberechtigtes Verhältnis von Rechtsgestaltung, Rechtsanwendung und Rechtswirkungsforschung: Recht(staat) by Design also.
Warum engagieren Sie sich für die Verbesserung der juristischen Ausbildung?
Ich kann nicht gut damit umgehen, wenn ein System offenkundig Fehler hat, obwohl die Lösungen bereits bekannt sind. Wenn dann noch sowohl die Probleme als auch die Lösungen vielfach empirisch beschrieben wurden, kann man sich – so zumindest mein Empfinden – nur noch schwer aus der Verantwortung ziehen. Föderale Trägheitsmomente dürfen nicht dazu führen, dass notwendige Innovationen für Demokratie und Rechtsstaat ausbleiben. Im Gegenteil: Gerade wir als juristische Community müssen vorangehen und zeigen, dass unser demokratischer Rechtsstaat changefähig ist.
Worüber wird im Kontext der juristischen Ausbildung zu wenig geredet?
So lange dagegen der Staat darüber entscheidet, in welchen Fällen wissenschaftliche Lehre und Ausbildung von Erfolg waren, haben wir ein indirektes, aber strukturelles Problem mit der Wissenschaftsfreiheit. Denn de facto wird das Lehr-/Lerngeschehen an juristischen Fakultäten durch die erste Staatsprüfung gesteuert. „Negative Backwash“ lässt grüßen. Auch der integrierte Bachelor wird hiergegen keine Abhilfe schaffen, solange er die kleine Schwester der echten, finalen Prüfung bleibt.
Sollten wir nicht alle besonders europäisch denken in diesen Zeiten?
Quint Haidar Aly
Apropos Bachelor: Sollten wir nicht alle besonders europäisch denken in diesen Zeiten? Die anderen Mitgliedsstaaten sind den Bologna-Prozess ja nicht mitgegangen, weil sie immer schonmal die juristische Ausbildung reformieren wollten – sondern aus nationaler Verantwortung für einen gemeinsamen, europäischen Bildungsraum. Ich will gar nicht wissen wie viele Mehrkosten und Reibungsverluste dadurch produziert werden, dass wir weiterhin unsere Insellösung verteidigen.
Können Sie uns eine Sache nennen, die sich in der juristischen Ausbildung ändern muss?
Das erste Examen streichen. Hatten wir bereits in den 70ern. Hat geklappt. Wird seit den 2000ern in verschiedenen medizinischen Fakultäten so gemacht. Hat geklappt. Wurde beim Lehramt im Rahmen des Bologna-Prozesses so gemacht. Hat geklappt. Das alles zeigt: Die praktischen Anteile einer Professionausbildung können gefahrlos auch ohne erstes Examen bestritten werden. Wenn die zweite juristische Staatsprüfung tatsächlich in der Lage ist, juristische Qualifikation mit hinreichender Sicherheit festzustellen, bietet das erste Examen also keinen Mehrwert. Stattdessen: Sunken Costs auf allen Seiten und verzögerter Start in den Beruf. So belasten wir junge Menschen aus sozioökonomisch schlechten Verhältnissen, die häufig früher auf ein verlässliches Einkommen angewiesen sind und im Übrigen auch den Fiskus, der erst später zu Steuereinnahmen kommt.


