Olivia Czerny
Prof. Olivia Czerny ist Professorin für juristisches Lernen (Zivilrecht) und Direktorin Zentrum für Juristisches Lernen an der Bucerius Law School. Durch ihre didaktische Forschung und Praxis, durch ihre Beratung zu Lernmethodik und Lernstrategien, durch Videokorrekturen sowie insbesondere durch das „Digitale Fallbuch“ bringt sie neuartige Formate für leistungsfähiges Lehren und Lernen in die juristische Ausbildung ein.
Was macht für Sie gute juristische Ausbildung aus?
Gute juristische Ausbildung ruht auf solider didaktischer und fachdidaktischer Grundlage, fördert analytisches und kritisches Denken und ist dabei zeitgemäß. Im Jahr 2026 sollte Lehre anders aussehen als 1990 – und das betrifft weit mehr als die Frage, welche Rolle KI spielt. Studierende lernen heute anders, und dafür stehen zahlreiche Methoden und Formate zur Verfügung. Nicht alles muss über Vorlesungen und lange Lesetexte vermittelt werden. Moderne juristische Ausbildung nimmt die Bedürfnisse und auch die Sorgen der Studierenden ernst.
Warum engagieren Sie sich für die Verbesserung der juristischen Ausbildung?
Das kommt mit meinem Job 😊. Spaß beiseite: Zum einen ist es mir wichtig, junge Menschen zu kritischem und verständigem Denken zu befähigen – gerade in einer Gesellschaft, die sich so tiefgreifend wandelt wie unsere. Zum anderen bin ich überzeugt, dass die Studienzeit eine der schönsten Lebensphasen sein kann und sollte – und nicht die anstrengendste. Ich verstehe es als meine Aufgabe, den Studierenden zu vermitteln, dass Jura so kompliziert gar nicht ist und im Studium auch ein Platz ist für ein Leben neben Hörsaal und Bibliothek.
Worüber wird im Kontext der juristischen Ausbildung zu wenig geredet?
In der Diskussion über juristische Ausbildung sollten hochschuldidaktische und lernpsychologische Erkenntnisse stärkere Beachtung finden. Nach meinem Eindruck wird Lehre vielfach so gestaltet, wie man sie einst selbst erlebt hat und für richtig empfindet. An Hochschulen Lehrende sollten didaktisch ausgebildet werden. Juristische Lehre selbst sollte Forschungsgegenstand sein.
Können Sie uns eine Sache nennen, die sich in der juristischen Ausbildung ändern muss?
Unter der Prämisse, dass wir am Staatsexamen festhalten wollen, müssen wir ehrlich fragen, was dort eigentlich abgeprüft wird – und ob das wirklich dem entspricht, was wir von künftigen Juristinnen und Juristen erwarten sollten.
Ich selbst habe das seinerzeit auf Lücke gelernt – schlicht weil ich keinen Sinn darin gesehen habe, solch willkürlich anmutende Details auswendig zu lernen.
Olivia Czerny
Das gilt insbesondere für die im Examen abgeprüften Details, die mit der Förderung juristischer Kompetenzen kaum etwas zu tun haben. Ich verstehe beispielsweise nicht, warum Studierende wissen müssen, in welchen Fällen die letztlich vom BGH entwickelte 130%-Grenze beim Schadensersatz nach Autounfällen Anwendung findet und wann nicht. Ich selbst habe das seinerzeit auf Lücke gelernt – schlicht weil ich keinen Sinn darin gesehen habe, solch willkürlich anmutende Details auswendig zu lernen.


