Carl-Wendelin Neubert
Anwalt und Unternehmer. Carl-Wendelin Neubert ist promovierter Volljurist, Mitgründer der Lernplattform Jurafuchs und Lehrbeauftragter an der BSP Business & Law School. Zu seinen Schwerpunkten zählt insbesondere die Digitalisierung der Ausbildung. Darüber hinaus veröffentlicht er regelmäßig in der juristischen und rechtsdidaktischen Fachliteratur.
Was macht für Sie gute juristische Ausbildung aus?
Gute juristische Ausbildung fördert Neugierde, Motivation und Begeisterung für den Kosmos der Rechtswissenschaft. Gute juristische Ausbildung nimmt die Verantwortung an, junge Menschen zugewandt, offenherzig und anspruchsvoll auszubilden statt sie allein zu lassen. Gute juristische Ausbildung stellt sicher, dass die Lehrveranstaltung und Prüfungsformate die Ziele der Ausbildung wirklich fördern. Gute juristische Ausbildung orientiert sich konsequent an den Erkenntnissen der Lernforschung. Gute juristische Ausbildung bereitet auf die praktischen Anforderungen juristischer Berufe von heute und morgen vor. Gute juristische Ausbildung vermittelt ein Verständnis für die besondere Verantwortung, die Juristinnen und Juristen im demokratischen Rechtsstaat für ein funktionierendes Wirtschafts- und Gesellschaftsleben zukommt.
Warum engagieren Sie sich für die Verbesserung der juristischen Ausbildung?
Exzellent ausgebildete Juristinnen und Juristen sind eine elementare Voraussetzung für einen leistungsfähigen und resilienten Rechtsstaat und für einen verlässlichen Wirtschaftsstandort Deutschland. Leider ist die juristische Ausbildung in vielen Facetten dringend reformbedürftig – mit Blick auf die Qualität der Ausbildung, die Prüfungsbedingungen im Examen, die Vorbereitung auf die praktischen Anforderungen juristischer Berufe, die Einbeziehung der Digitalisierung in Lehrformate und Curricula u.v.m. Viele angehende Juristinnen und Juristen sind von der Ausbildung und dem Reformstau so frustriert, dass sie die Freude an Jura verlieren und der Ausbildung sowie juristischen Berufen immer häufiger den Rücken kehren. Das können wir uns schlicht nicht leisten!
Worüber wird im Kontext der juristischen Ausbildung zu wenig geredet?
Das Recht ist ein Machtinstrument. Juristinnen und Juristen werden durch die Kenntnis des Rechts in die verantwortungsvolle Lage versetzt, dieses Machtinstrument in der echten Welt anzuwenden. In der ausbildungstypischen Rechtsanwendung hingegen wird Jura zu einem Werkzeug, dessen Ergebnis egal ist, solange man nur irgendwie juristisch argumentiert; Juristinnen und Juristen werden zu neutralen Rechtsanwendern.
Ihre Rechtsanwendung hat konkrete Auswirkungen auf das Leben von echten Menschen.
Carl-Wendelin Neubert
Können Sie uns eine Sache nennen, die sich in der juristischen Ausbildung ändern muss?
Die Korrektur der Klausuren im 1. und 2. Staatsexamen muss endlich in verdeckter Zweitkorrektur erfolgen. Dadurch, dass der Zweitkorrektor die Note der Erstkorrektin kennt, wird ein Anker gesetzt, der die Unvoreingenommenheit und Objektivität der Benotung gefährdet. Es gibt keinen sachlichen Grund, der überzeugend für das bestehende Korrektursystem und gegen die verdeckte Zweitkorrektur spricht. Wenn den Kandidatinnen und Kandidaten im Examen zu Recht viel abverlangt wird, müssen die Prüfungsbedingungen dem entsprechen.


