Stephanie Beyrich
Stephanie Beyrich ist seit fast 10 Jahren Pressesprecherin und Geschäftsführerin der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK). Sie engagiert sich für Rechtsstaat und Demokratie und liebt das Grundgesetz. Für die BRAK produziert und hostet sie seit über 5 Jahren den Podcast „(R)ECHT INTERESSANT!“. Als Mentorin unterstützt sie auf dem Weg durch das Jurastudium, das Referendariat und beim Start ins Berufsleben. Sie steht für Authentizität, Offenheit und brennt für den Anwaltsberuf.
Was macht für Sie gute juristische Ausbildung aus?
Meine Vorstellung von einer guten juristischen Ausbildung wäre, kritische Juristinnen und Juristen auszubilden, die ein Verständnis von der Bedeutung des Rechtsstaates haben, auf dem Boden unserer Verfassung stehen und die in der Lage sind, Rechtsprobleme zu erfassen, zu lösen und zu übersetzen. Ganz egal, ob ich später zur Staatsanwaltschaft gehe, Richterin oder Anwältin werde: Diese Skills werde ich brauchen. Wir sollten Menschen ausbilden, die in der Lage sind, Sachverhalte und Probleme zu analysieren, zu zerlegen, die die Systematik der Gesetze erfassen können, in der Lage sind Gesetze – auch unbekannte – anzuwenden, weil sie verstanden haben, wie Recht funktioniert. Und wenn sie dann noch die Fähigkeit besitzen, komplexe Materie zu übersetzen, einfach zu erklären, dann wären wir einen großen Schritt weiter. Denn worauf treffe ich zwangsläufig als zweifach examinierter Jurist? Auf Menschen, denen ich Recht erklären muss. Menschen, bei denen das Vertrauen in den Rechtsstaat vielleicht bereits bröckelt. Da sollte ich sowohl als Verwaltungsjurist, als Anwalt, als Richterin oder Staatsanwältin schon erklären können, warum hier gerade was wie läuft.
Und obgleich seit Jahrzehnten, wenn nicht gar generationenübergreifend und damit in einer Kontinuität, die ihrerseits kaum noch hinterfragt wird, in Bildungseinrichtungen sowie in der juristischen Ausbildungspraxis jene Entwicklung zu beobachten ist, wonach junge Menschen, die ursprünglich imstande wären, sich einer natürlichen, klaren und allgemein verständlichen Sprache zu bedienen, systematisch dazu angehalten, ja geradezu darauf konditioniert werden, sich eben jener Ausdrucksweise zu entledigen und stattdessen Formulierungen zu wählen, die, obschon sie durch ihre Länge, ihre Verschachtelung und die Akkumulation scheinbar präziser, tatsächlich jedoch häufig entbehrlicher Begriffe eine gewisse fachliche Autorität suggerieren, in ihrer Gesamtheit kaum mehr nachvollziehbar erscheinen, wird dieser Umstand gleichwohl selten als das erkannt, was er ist: eine selbstreferenzielle Praxis, die Verständlichkeit zugunsten formaler Komplexität preisgibt.
*Mic drop*
Warum engagieren Sie sich für die Verbesserung der juristischen Ausbildung?
Ich formuliere es mal in der mir eigenen höchst „charmanten Art“: Nur weil es für mich total scheiße war, muss es ja nicht für alle nach mir auch scheiße sein!
Es ist mir unverständlich, dass ich immer noch von einer nennenswerten Zahl Kollegen (gendern hier ausnahmsweise überflüssig) die Aussage vernehme, dass man selbst ja auch durch diese Ausbildung musste und es niemandem geschadet habe. Das sehe ich diametral anders. Doch, das schadet. Und zwar mehr als es nutzt! Ich kann diesbezüglich nicht nur auf meine eigenen Erfahrungen zurückgreifen, sondern auch auf die meiner Mentees. Die „schauen Sie nach links, schauen Sie nach rechts“ – Ansagen in den Unis werden weniger, aber es gibt sie immer noch! Von Beginn an lehrt das Studium, das noch immer nach dem „Alles oder Nichts“-Prinzip endet, dass Jura vor allem eines bedeutet: Konkurrenz! Was für ein Schwachsinn. In keiner Bewerbungsrunde für einen Job musste ich gegen eine Kommilitonin oder einen Kommilitonen antreten. Keine meiner Hausarbeiten wurde schlechter bewertet, weil ich wichtige Fundstellen weitergegeben habe (wenn ich in den ganzen leergerupften NJW-Bänden denn überhaupt mal fündig wurde). Würde man passende Hashtags für das Studium suchen, wären es wohl #Angst #Konkurrenz und #Überforderung. Und das soll im Dauermodus nicht schaden? Ich bitte Euch!
Die häufigsten Aussagen von Studierenden – und ich kenne Viele – sind:
– Ich bin zu dumm!
– Das schaffe ich nie!
– Ich bin die Einzige, die überhaupt nichts versteht! Alle anderen sind so viel besser!
– Was mache ich hier überhaupt!?
– Das kann ich mir niemals alles merken! Es ist zu viel, was ich auswendig können muss!
– Ich hab in diesem Studium nichts verloren!
Meine Antworten, hier stark verkürzt:
– Nein!
– Doch!
– Nein!
– Das Richtige!
– Musst Du nicht.
– Doch!
All diese quälenden Fragen habe ich mir selbst so viele Jahre während des Studiums gestellt. Und so lange sich andere diese Fragen auch heute noch stellen müssen, bin ich an Bord, um etwas zu verändern. Und das geht! Man kann das Studium auf das ausrichten, was an Handwerkszeug wirklich nötig ist UND auf die mentale Gesundheit der Studierenden achten. Einen Qualitätsverlust muss man deswegen nicht befürchten. Ich meine: Ganz im Gegenteil.
Worüber wird im Kontext der juristischen Ausbildung zu wenig geredet?
MGDM. Mentale Gesundheit. Methodik. Didaktik.
Gerade in der aktuellen Debatte um Deepfakes ist eine Erweiterung des Pflichtstoffes in aller Munde. Ich halte es für den falschen Weg, aus einem „zu viel“ ein „noch mehr“ zu machen.
Mit der praktischen Erfahrung nach doch so einigen Jahren Anwaltszulassung betrachte ich Normen und ihre Systematik aus einer Perspektive, die mir als Studentin völlig verschlossen war. Das sehe ich immer wieder in meinen Coaching-Sitzungen. Während Studierende klagen, dass dieses oder jenes nicht verständlich sei, an merkwürdiger Stelle verortet, man sich eine bestimmte Definition nicht merken könne oder dass sich ein Lerninhalt ja „nur“ mit Begründetheit befasse, dabei aber doch in der Zulässigkeit auch Punkte lägen, kann ich heute mein Gegenüber an der Hand nehmen, mit ihm einen Schritt zurücktreten und die Systematik hinter dem Ganzen aufzeigen. Daran erinnern, dass sich vieles aus dem Gesetz, seinem Aufbau und nicht zuletzt aus dem Inhaltverzeichnis (!) ergibt. Viele Gesetze – nicht alle – sind super logisch in einer durchdachten Struktur aufgebaut. Man muss halt reinschauen und sie erkennen. Das geht neben dem ganzen „das und das und das musst Du wissen, sonst fällst Du durch. Und das übrigens auch!“ verloren. Ich erschaffe kleine Lernroboter, keine kritisch und logisch denkenden Juristinnen und Juristen.
Es gibt für mich aber einen Unterschied zwischen Herausforderung und totaler Vernichtung.
Stephanie Beyrich
Und just das führt zu mentalen Belastungen, die einfach unnötig sind. Ein Studium wird immer stressig sein und belasten. Das ist in Ordnung und muss bis zu einem Gewissen Grad auch der Fall sein, schätze ich. Wir müssen ja lernen, mit Herausforderungen klar zu kommen. Es gibt für mich aber einen Unterschied zwischen Herausforderung und totaler Vernichtung. Warum also nicht schon im Studium die Tools an die Hand geben, die es ermöglichen, dieses Studium zu bewältigen? Wie lerne ich wirklich, wie erkenne ich die Systematiken und wie kann ich mein Wissen auf unbekannte Themen und Rechtsprobleme transferieren?
Können Sie uns eine Sache nennen, die sich in der juristischen Ausbildung ändern muss?
Stoff runter, interdisziplinäre Angebote rauf.
Die Stofffülle führt dazu, dass kein Raum ist für wichtige Fähigkeiten, die jeder Jurist unabhängig von der späteren Berufswahl brauchen wird. Schon mal nachgefragt, wie viele ReferendarInnen nach dem ersten Examen plötzlich in der (bei mir 2.) Station plötzlich im Gerichtssaal standen, als Vertreter der StA, plädieren sollten, aber noch nie, wirklich nie, vor anderen Menschen sprechen mussten? Schon mal darüber nachgedacht, dass es in anderen Ländern fester Bestandteil des Studiums ist, zu debattieren? Wie argumentiert man eigentlich? Wie kann ich mir Meinungsstreitigkeiten wirklich erschließen, damit ich in der Klausur nicht schreiben muss „Der herrschenden Meinung ist zu folgen, da sie überzeugend ist?“.
Und wenn wir schon dabei sind:
Bessere Uni-Angebote zur Examensvorbereitung. Es hat sich an einigen Unis dank sehr engagierter Professorinnen und Professoren wirklich etwas getan. Aber längst nicht flächendeckend. Klar: Ein Studium bedeutet immer Eigenleistung. Ich kann nicht erwarten, dass ich in die Uni latsche und mir wird alles haarklein und abschließend präsentiert und beigebracht, was ich für das Examen brauche. Ich muss da schon selbst mit anpacken. Es wäre aber doch fein, wenn es genug qualitativ hochwertige (auch freiwillige) Angebote gäbe, die alle Studierende, unabhängig von ihrer finanziellen Situation, in die Lage versetzten, ohne kommerzielles Rep ins Examen zu gehen, wenn sie es denn möchten. Ich kenne einige wenige, die das getan haben. Nicht, weil sie es wollten, sondern weil sie es mussten. Kein Geld fürs Rep. Ich will nicht gegen Repetitorien wettern, im Gegenteil. Karl-Edmund war übrigens ein Kommilitone meines Vaters. Liebe Grüße! Es ist gut, dass es sie gibt. Ich hätte es ohne Rep ganz sicher nicht geschafft. Unter anderem, weil mir an der Uni eben nicht beigebracht wurde, wie man systematisch einen Fall löst, wie man eigentlich Klausuren schreibt, wie man eigentlich argumentiert. Aber ich denke, wir müssen Studierende in die Lage versetzen, dass sie eine echte Wahl zwischen Uni-Klausurenkurs und kommerziellen Angeboten haben. Ist das nicht der Fall, ist das kommerzielle Rep nur ein „Geschäft mit der Angst“ und wir benachteiligen all diejenigen, die sich ein Rep schlicht nicht leisten können. Das geht besser!

