Sabine Gries-Redeker ist Rechtsanwältin und Vorsitzende des Gesetzgebungsausschusses Ausbildung und Fortbildung des Deutschen Anwaltsvereins. In dieser Funktion setzt sie sich seit vielen Jahren lautstark für qualitative Verbesserungen und Reformen der juristischen Ausbildung ein. Dabei bringt sie den spezifischen anwaltlichen Sachverstand ein und plädiert für eine zielgerichtete und praxisorientierte Fortentwicklung der Juristenausbildung und spezifisch auch des Referendariats.
Was macht für Sie gute juristische Ausbildung aus?
Eine gute juristische Ausbildung beinhaltet die Schulung im Umgang mit Recht und Gesetz. Dazu gehört eine solide Ausbildung in juristischer Methodik, damit die Befähigung erworben wird, sich selbst in neue rechtliche Themen einzuarbeiten und diese einzuordnen. Angesichts der Digitalisierung und den Herausforderungen im Umgang mit künstlicher Intelligenz ist dies unabdingbar. Dies ist vornehmlich an den Universitäten zu erlernen. Ferner ist wichtig zu vermitteln, das Recht im weitesten Sinne nicht im theoretischen Rahmen stattfindet, sondern hinter Gesetzen und juristischen Fragestellungen stehen menschliche Konfliktsituationen, die einer Lösung zuzuführen sind. Das heißt, dass auch im Studium aufgezeigt werden muss, worin die praktische Relevanz liegt. Im Referendariat muss die Anleitung zur berufspraktischen Arbeit erfolgen und die Gelegenheit bestehen, praktisches Arbeiten (freilich unter Aufsicht) zu erproben.
Warum engagieren Sie sich für die Verbesserung der juristischen Ausbildung?
Grundsätzlich ist mir der Zugang zur Bildung für alle Bevölkerungsschichten ein Anliegen. Während meiner eigenen Studienzeit ist mir schon aufgefallen, dass im Vergleich zu anderen Studiengängen z.B. in den Naturwissenschaften aber auch Geisteswissenschaften ein anderes „Klima“ vorhanden war. Häufig spielte schon unter den Mitstudierenden die soziale Herkunft eine Rolle und die eigene angestrebte Karriere.
Andere Studiengänge kennen auch Prüfungen oder Examen (die übrigens auch nicht leicht sind), jedoch wird dies nicht in der Weise in den Mittelpunkt gestellt.
Sabine Gries-Redeker
Die Neugier auf das, was aber in der Rechtswissenschaft und im gesellschaftlichen Kontext verhandelt wurde, blieb oft auf der Strecke. Vor allem schwebten von Anfang an die Examina wie ein Damoklesschwert über allem. Andere Studiengänge kennen auch Prüfungen oder Examen (die übrigens auch nicht leicht sind), jedoch wird dies nicht in der Weise in den Mittelpunkt gestellt. Mir ist es deshalb ein Anliegen, dass die Gestaltung der juristischen Ausbildung die Studierenden nicht abschreckt, sondern sie neugierig zu machen, auf juristisches Denken, und zwar unabhängig davon, wo sie sozial verortet sind. Davon profitieren die Studierenden, die juristischen Berufe, die Hochschulen zur Generierung wissenschaftlichen Nachwuchses und die gesamte Gesellschaft.
Worüber wird im Kontext der juristischen Ausbildung zu wenig geredet?
Wir haben uns bislang – von einigen Ausnahmen abgesehen – zu wenig darum gekümmert, wie didaktisch vorzugehen ist, um den juristischen Stoff und damit auch die Methodik an die Studierenden heranzutragen. Dabei gibt es durchaus Erkenntnisse anderer Wissenschaftszweige, die hier weiterhelfen können. Dies betrifft auch die Art und Weise der Durchführung von Prüfungen oder Examina. Auch sollten wir uns einmal den Lehrmaterialien widmen. Hier gäbe es inzwischen auch dank der elektronischen Entwicklungen Möglichkeiten, Lehrmaterialien zu erstellen. Ein Blick zu unseren europäischen Nachbarn könnte hier durchaus hilfreich sein.
Es hilft aber nicht, nur zu nörgeln, sondern wir sollten auch positive Ansätze in der Jura-Ausbildung erwähnen. Darüber wird auch zu wenig geredet. Ich denke hier an die Moot Courts und die Law Clinics. Dies sind gelungene Beispiele, die geeignet sind, Lehrstoffvermittlung, Praxisrelevanz und die soziale Einordnung den Studierenden näher zu bringen. Hier würde ich mir wünschen, dass solchen Projekten mehr finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden.
Können Sie uns eine Sache nennen, die sich in der juristischen Ausbildung ändern muss?
Es muss uns gelingen die Examina zu entdämonisieren. Daher sollte auf den Prüfstand, ob es wirklich notwendig ist, in einem Klausurenmarathon die Studierenden abzuprüfen. Gibt es nicht andere Formate, die eher geeignet sind durchaus auf hohem Niveau Leistungen und Kompetenzen zu prüfen? Das geht aber nur, wenn wir das Studium an der Universität einerseits und die staatlichen Prüfungsämter besser miteinander verzahnen.
Sabine Gries-Redeker ist Rechtsanwältin und Vorsitzende des Gesetzgebungsausschusses Ausbildung und Fortbildung des Deutschen Anwaltsvereins. In dieser Funktion setzt sie sich seit vielen Jahren lautstark für qualitative Verbesserungen und Reformen der juristischen Ausbildung ein. Dabei bringt sie den spezifischen anwaltlichen Sachverstand […]
Prof. Dr. Emanuel V. Towfigh ist Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, Empirische Rechtsforschung und Rechtsökonomik an der EBS Law School und leitet als Max Planck Fellow das Center for Diversity in Law am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und […]
Ann-Marie Wolff ist seit 2019 Präsidentin des Hanseatischen Oberlandesgerichts in Bremen und Vorsitzende des Justizprüfungsamt für die erste juristische Staatsprüfung in Bremen. Ihre Karriere in der bremischen Justiz begann bereits 1991 mit Stationen unter anderem als Ausbildungsrichterin am Hanseatischen Oberlandesgericht, […]
Prof. em. Dr. Bernhard Bergmans, LL.M. (Louis.) studierte Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Belgien, Deutschland und den USA. Nach zehnjähriger Berufstätigkeit im Firmenkundengeschäft einer deutschen Großbank, wurde er 2000 Professor am FB Wirtschaftsrecht der Westfälischen Hochschule (Standort Recklinghausen), 2010 folgte die […]